KI im Studium: Sokratische Methode mit KI – Thesen prüfen, Argumentationen schärfen

KI im Studium – Praxisorientierte Tools für Gasthörende und Seniorenstudierende

Der Sparring-Partner hat gerade keine Zeit? KI kann durchaus als Denkpartner dienen und bei der Entwicklung – wohlgemerkt eigener – Thesen unterstützen.


Transparenz

Text und Bild(er) mit KI-Unterstützung erarbeitet.


Mit KI argumentieren: Thesen prüfen, Ideen schärfen

Ein gut formulierter Gedanke entsteht selten beim ersten Versuch. Er braucht Widerstand – jemanden, der nachfragt, zweifelt, eine andere Perspektive einbringt. Im Seminargespräch übernehmen das Kommilitoninnen und Kommilitonen oder die Lehrenden. Zwischen den Sitzungen fehlt dieser Sparringspartner meist.

KI-Systeme können diese Rolle übernehmen – als geduldiger Sparring-Partner, der Fragen stellt, ohne zu urteilen. Das Prinzip dafür ist alt: Der griechische Philosoph Sokrates entwickelte eine Gesprächsmethode, bei der Wissen nicht vermittelt, sondern durch gezieltes Fragen erarbeitet wird. Übertragen auf die Arbeit mit KI bedeutet das: Nicht nach Antworten fragen, sondern die KI bitten, die eigenen Antworten/Thesen zu hinterfragen.


Sokratisches Prompting: Das Grundprinzip

Der entscheidende Unterschied zum gewöhnlichen Nachfragen liegt in der Rollenverteilung. Im Standardmodus liefert KI Antworten. Im sokratischen Modus liefert die KI Fragen – und die Nutzenden entwickeln daraufhin ihre eigenen Antworten weiter.

Das Hochschulforum Digitalisierung hat diesen Ansatz 2023 in einem Gastbeitrag dokumentiert: Eine Studierende formulierte dabei einen Prompt, der die KI explizit anweist, keine Thesen aufzustellen, sondern ausschließlich durch Rückfragen den Denkprozess voranzutreiben [Hochschulforum Digitalisierung, 2023]. Das Ergebnis war kein KI-generierter Text, sondern ein eigenständig erarbeitetes Argument – die KI hatte lediglich den Rahmen geschaffen.


Der folgende Prompt eignet sich als Einstieg. Die eigene These oder Idee wird direkt nach dem Prompt eingefügt.


Prompt: Sokratischer Gesprächspartner

Du übernimmst die Rolle eines kritischen Gesprächspartners nach sokratischer Methode. Deine Aufgabe ist es ausschließlich, durch gezielte Rückfragen meinen Denkprozess voranzutreiben. Du stellst keine eigenen Thesen auf, gibst keine Antworten und bewertest nichts. Du fragst nach.

Beginne mit einer einzigen Frage, die den schwächsten Punkt meiner folgenden These oder Idee anspricht. Warte auf meine Antwort, bevor du die nächste Frage stellst.

Meine These / Idee: [Eigenen Text einfügen]


Ein Beispiel aus dem Seminarbetrieb

Angenommen, jemand entwickelt für ein Seminar zur Digitalisierung im Bildungsbereich folgende These: „KI-gestützte Lernsysteme sind für ältere Studierende besonders geeignet, weil sie individuell auf das eigene Lerntempo eingehen.”

Ein sokratisch arbeitendes KI-System würde nicht antworten: „Das stimmt, weil…” – sondern fragen: „Worauf stützen Sie die Annahme, dass individuelle Anpassung an das Lerntempo für ältere Studierende wichtiger ist als für jüngere?” Diese eine Frage zwingt dazu, die eigentliche Prämisse zu benennen und zu belegen – oder zu revidieren.

Das Gespräch kann sich über mehrere Runden entwickeln. Am Ende steht keine KI-Antwort, sondern eine geschärfte These; formuliert in eigenen Worten, gestützt auf eigene Überlegungen.


Drei Einsatzszenarien im Seniorenstudium

Seminarbeitrag vorbereiten: Eine Idee, die bislang nur als Notiz existiert, wird im sokratischen Gespräch auf Tragfähigkeit geprüft, bevor sie im Plenum vorgestellt wird. Schwache Punkte zeigen sich früh und können vor dem Seminar behoben werden.

Hausarbeit strukturieren: Wer eine Einleitungsthese formuliert hat, aber unsicher ist, ob sie das Papier trägt, nutzt den Prompt, um Einwände vorwegzunehmen. Die KI fragt nach Belegen, Definitionen und möglichen Gegenargumenten; die Antworten darauf können zu Gliederungspunkten werden.

Diskussionsbeiträge schärfen: Vor einer Seminardiskussion lässt sich die eigene Position durch mehrere sokratische Runden robuster machen. Wer weiß, wo die Argumente angreifbar sind, ist in der Diskussion besser vorbereitet.


Prompting: Gegenargumente einfordern (Erweiterung zur sokratischen Methode)

Wer über das sokratische Grundprinzip hinausgehen möchte, kann die KI auch explizit bitten, die stärksten Gegenargumente zur eigenen Position zu entwickeln – und dann selbst zu antworten.


Prompt: Gegenargument-Generator

Ich habe folgende These entwickelt: [These einfügen]

Formuliere die drei stärksten Gegenargumente, die ein gut informierter Kritiker gegen diese These vorbringen würde. Bewerte die Argumente nicht. Ich werde danach auf jedes einzelne antworten.

Quellen

Opper, K. (2023): Im Sokratischen Dialog mit KI. Erfahrungsbericht. e-teaching.org. https://www.e-teaching.org/etresources/pdf/erfahrungsbericht_2023_opper_im-sokratischen-dialog-mit-ki.pdf

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