Stimmt das wirklich? Faktenchecking als Alltagskompetenz

Eine Meldung, drei Wege – und der wichtigste Schritt davor Eine Nachricht landet in der WhatsApp-Gruppe. Ein Artikel zitiert eine Studie, die etwas „beweist”. Meistens entscheiden wir in Sekunden: glauben, ignorieren, weiterleiten. Besser ist: Erstmal innehalten und Fakten checken.


Transparenz

Text und Bild(er) mit KI-Unterstützung erarbeitet.


Wenn Fragezeichen bleiben, ob eine Nachricht / ein Bild echt oder Fake ist, gibt es drei Wege, die sich je nach Situation unterscheiden:

  • Wurde diese Behauptung schon von Faktencheckern geprüft? → Nachschlagen in einer Datenbank dauert weniger als zwei Minuten.
  • Nein – aber die Behauptung hat öffentliche Reichweite? → Einen Hinweis an journalistische Faktenchecker einreichen.
  • Ich möchte selbst prüfen – ein Bild, ein Video, einen Text? → Eigene Verifikations- Tools und ein strukturierter KI-Prompt helfen weiter.

Welcher Weg wann sinnvoll ist, hängt davon ab, was geprüft werden soll – und wie viel Zeit zur Verfügung steht. Dieser Beitrag erklärt alle drei Wege, ihre Werkzeuge und ihre Grenzen.


Stop – und Plausibilitätscheck

SRF-Faktenchecker Matthias Heller beschreibt den allerersten Schritt so:

„Ein erster Schritt bei der Überprüfung ist der Plausibilitätscheck: Kann das wirklich stimmen? Was sagt mir mein Bauchgefühl? Man sollte das Gesehene oder Gelesene immer kritisch hinterfragen. Fallen mir Widersprüchlichkeiten auf?“Matthias Heller, SRF Netzwerk Faktencheck

Intuition ist ein Signal. Die Medienkompetenzforschung hat dafür die SIFT-Methode entwickelt (Mike Caulfield, Washington State University):

  • S – Stop: Innehalten, bevor man reagiert, teilt oder glaubt.
  • I – Investigate the source: Wer ist der Absender? Hat er erkennbare Interessen?
  • F – Find better coverage: Berichten andere unabhängige Quellen dasselbe?
  • T – Trace to original context: Stammt das Zitat, Bild oder die Zahl aus dem ursprünglichen Zusammenhang – oder wurde es herausgelöst?

Eng damit verbunden ist das Lateral Reading: Statt eine Quelle intern zu bewerten („Sieht das seriös aus?“), öffnet man sofort weitere Tabs und sucht externe Informationen über die Quelle.

SIFT und Lateral Reading sind noch keine Faktenchecks aber allemal besser, als ohne Zwischenstop zu entscheiden: glauben, ignorieren, weiterleiten.


Wurde das schon geprüft? Die Datenbanken

Bevor man selbst prüft oder eine Behauptung an professionelle Faktenchecker einreicht, lohnt sich eine schnelle Datenbanksuche. Viele viral kursierenden Behauptungen wurden bereits von Faktencheckern untersucht.

Google Fact Check Explorer (toolbox.google.com/factcheck/explorer) Eine durchsuchbare Datenbank aller international zertifizierten Faktenchecker weltweit. Eingabe der Behauptung oder Stichworte ergibt: Welcher Faktenchecker hat das geprüft, mit welchem Urteil, wann? Kostenlos, ohne Registrierung. Limitation: Nur bereits geprüfte Behauptungen sind erfasst – neue, lokale oder sehr spezifische Narrative fehlen.

Hoaxsearch (hoaxsearch.com) ist eine Datenbank (von Mimikama), die bereits aufgedeckte Falschmeldungen aus dem deutschsprachigen Raum abrufbar macht. Besonders nützlich für Behauptungen, die über österreichische und deutsche Social-Media-Kanäle kursieren.


Die journalistischen Faktenchecker

Was Faktenchecking ist – und was nicht

Beim Faktenchecking geht es um die systematische Überprüfung einer konkreten, überprüfbaren Behauptung anhand belegbarer Quellen. Ivano Somaini (Compass Security Schweiz) fasst das Qualitätsmerkmal so zusammen:

„Gute Faktenchecks beantworten immer: Was genau wird behauptet? Welche überprüfbaren Fakten gibt es dazu? Welche Quellen wurden genutzt und warum sind sie glaubwürdig? Wo liegen Unsicherheiten? Warum lautet das Urteil genau so und nicht anders?“

Der entscheidende Unterschied zur reinen Behauptung: Ein seriöser Faktencheck legt offen, wie geprüft wurde – und macht den Prüfweg für andere nachvollziehbar und replizierbar.

Für die Zertifizierung von Faktencheckern haben sich zwei Standards etabliert:

  • Das International Fact-Checking Network (IFCN) am Poynter Institute (ifcncodeofprinciples.poynter.org) prüft Organisationen nach fünf Prinzipien: Überparteilichkeit, Quellentransparenz, Mehrquellenpflicht, Methodenoffenlegung und offene Fehlerkorrektur.
  • Das europäische EFCSN (efcsn.com/code-of- standards) ergänzt in Artikel 2.E: Alle Belege müssen so zugänglich sein, dass Leserinnen und Leser den Verifikationsprozess selbst replizieren könnten.

Selektiv wahr: Die wirksamste Form der Desinformation

Besonders aufschlussreich ist, was Faktenchecker zwischen den Polen „richtig” und „falsch” abbilden. Correctiv verwendet dafür die Kategorie „Fehlender Kontext”:

„Fakten oder Zahlen sind korrekt, werden aber unzulässig pauschalisiert oder ohne den nötigen Kontext verbreitet, so dass Missverständnisse und falsche Schlussfolgerungen entstehen. Ein korrektes Zitat wurde aus dem Kontext gerissen und kann deshalb falsch verstanden werden.” — Correctiv, Bewertungsskala (correctiv.org/faktencheck/ueber-uns/unsere-bewertungsskala)

Drei Alltagsbeispiele:

  • Die veraltete Zahl: Eine Statistik aus 2020 kursiert als aktuelle Information. Damals korrekt – heute überholt. Korrekte Aussage, falscher Eindruck.
  • Das herausgeschnittene Zitat: Ein Satz korrekt zitiert, aber die unmittelbar folgende Einschränkung fehlt, die die Aussage in ihr Gegenteil kehrt.
  • Korrelation als Beweis: Eine Studie zeigt, dass Jugendliche mit hohem Handykonsum häufiger Schlafprobleme haben. Daraus wird: „Studie beweist – Handy macht krank.” Die Studie belegt eine statistische Begleiterscheinung, keinen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.

Die wirksamsten Desinformationen sind selten schlicht falsch. Sie sind unvollständig.

Anbieter im DACH-Raum

Zertifizierte Angebote:

AnbieterLandIFCNEFCSNTräger
dpa FaktencheckDENachrichtenagentur
ARD-FaktenfinderDE–¹Öffentlich-rechtlich
BR24 #FaktenfuchsDEÖffentlich-rechtlich
Correctiv.FaktencheckDEGemeinnützige gGmbH
AFP FaktencheckDE/ATNachrichtenagentur
APA FaktencheckATNachrichtenagentur

¹ ARD-Faktenfinder ist nicht IFCN-zertifiziert, aber als öffentlich-rechtliches Angebot der Tagesschau-Redaktion transparent finanziert und etabliert.

Der APA-Faktencheck (apa.at/service/faktencheck-2) ist das österreichische Pendant zur dpa – seit März 2021 IFCN-zertifiziert.

Weitere relevante Angebote:

Mimikama (mimikama.org) – österreichischer gemeinnütziger Verein, ausschließlich durch Community-Beiträge finanziert. Kein IFCN-Zertifikat, aber mit hoaxsearch.com eine der nützlichsten Datenbanken im deutschsprachigen Raum.

SRF Faktencheck (srf.ch/news/srf-faktenchecks) – internes Redaktionsnetzwerk von 13 SRF-Mitarbeitenden. Nützlich für Schweizer Kontext, nicht IFCN-zertifiziert. Seit 2026 mit eigenem WhatsApp-Kanal für Hinweise aus der Bevölkerung.

Watson.ch (watson.ch/faktencheck) – privates Schweizer Nachrichtenmedium mit Faktencheck-Rubrik; keine IFCN-Zertifizierung.

Volksverpetzer – orientiert sich am Pressekodex, belegt Behauptungen mit Quellen, von Journalistenverbänden als seriöses Anti-Fake-News-Medium anerkannt. Nicht IFCN- zertifiziert; beschreibt sich explizit als wertegebundenes Medium „für Demokratie und Vielfalt” – transparente Selbstpositionierung, die bei der Einordnung berücksichtigt werden sollte.

International: Snopes (snopes.com) – die älteste Faktenchecker-Plattform der Welt, gegründet 1994, IFCN-zertifiziert. Englischsprachig und US-fokussiert, international bekannt. Snopes prüft besonders hartnäckige Mythen, Urban Legends und viral kursierendes Material – und ist damit eine wichtige Ergänzung zu den DACH-Angeboten.

Kann ich als Privatperson an Faktenchecker bitten, etwas zu prüfen?

Faktenchecker sind Redaktionen, keine Auskunftsdienste auf Abruf. Ob eine eingereichte Behauptung geprüft wird, entscheiden Aktualität, Reichweite und potenzieller Schaden.

Correctiv bietet den direktesten Weg: per WhatsApp (+49-151-17535184), Online-Formular oder verschlüsseltem anonymen Briefkasten. Keine direkte Antwort – der Hinweis fließt ins redaktionelle Monitoring ein. Das Correctiv-Faktenforum lädt zudem ein, aktiv an Faktenchecks mitzuarbeiten.

BR24 #Faktenfuchs verarbeitet Hinweise via @faktenfuchs-Mentions. SRF nimmt Hinweise über seinen WhatsApp-Kanal entgegen. Bei Mimikama gilt: erst hoaxsearch.com prüfen, dann melden.

Wer prüft die Prüfenden?

Seit 2016 betrieb Meta ein bezahltes Partnerschaftsprogramm: IFCN-zertifizierte Organisationen prüften Inhalte auf Facebook und Instagram – und wurden dafür von Meta vergütet. In Deutschland gehörten dpa (seit 2019), Correctiv (seit 2017) und AFP (seit 2020) zu den bezahlten Partnern. Meta legte die Spielregeln fest, etwa dass Aussagen von Politikerinnen und Politikern vom Faktenchecking ausgenommen blieben.

Am 7. Januar 2025 kündigte Meta-Chef Mark Zuckerberg das Ende dieser Partnerschaften für die zehn US-amerikanischen Partner an. Die 80 internationalen Partner in 119 Ländern – darunter Deutschland und Österreich – waren nicht betroffen; ihr Programm läuft unter dem Druck des Digital Services Act (DSA) weiter. Das strukturelle Problem bleibt: Eine Organisation, die Plattforminhalte prüft, wurde von derselben Plattform bezahlt.

Jedes Trägermodell bringt eigene Abhängigkeiten mit sich – öffentlich-rechtliche Gremien, Kundenstämme bei Agenturen, Förderer bei gemeinnützigen Organisationen. Der EFCSN-Standard legt in Artikel 4.2 fest, dass alle Einnahmequellen ab einem Prozent des Jahresumsatzes offenzulegen sind. Die relevante Frage lautet deshalb nicht „Wem vertraue ich blind?“, sondern: Ist die Methode offengelegt? Sind die Quellen nachvollziehbar? Erfüllt die Organisation den IFCN- oder EFCSN-Standard?


Selbst prüfen: Bild, Video und Text

Bild und Video: InVID, OSINT und das Bellingcat-Toolkit

Für die Überprüfung von Bildern und Videos ist das InVID / WeVerify Plugin das meistgenutzte Werkzeug unter Faktencheckerinnen und Faktencheckern. Das kostenlose Browser-Plugin ist verfügbar für Chrome, Firefox und Edge, nicht für Safari. Esextrahiert Metadaten, ermöglicht Rückwärtssuchen und analysiert Videos frame-by-frame. Wer mit Safari arbeitet, kann manuell über images.google.com eine Rückwärtsbildsuche starten.

Dahinter steht der Ansatz der OSINT – Open Source Intelligence: die systematische Nutzung öffentlich zugänglicher Quellen zur Verifikation. Dazu gehören Kartendienste (Google Maps, Street View), Wetterdaten, Satellitenbild-Archive und Social-Media-Recherchen. SRF- Faktenchecker Heller beschreibt das konkret: „Stimmt der Ort und passt dieser zum Ereignis? Stimmen Merkmale wie die Umgebung, Straßenschilder oder passt die Kleidung der Leute zur aktuellen Jahreszeit?”

Für Fortgeschrittene, die tiefer einsteigen möchten: Bellingcat (bellingcat.com) ist eine international bekannte investigative Rechercheplattform, die OSINT-Methoden für Journalistinnen und die Öffentlichkeit zugänglich macht. Das frei zugängliche Bellingcat Online Investigation Toolkit (bellingcat.gitbook.io/toolkit) ist eine kuratierte, laufend aktualisierte Sammlung von Verifikations-Tools – kategorisiert nach Satellitenbilder, Videoanalyse, Geolokalisierung, Archivierung und mehr.

NewsGuard bewertet Nachrichtenseiten nach Transparenz-Kriterien – kein Claim-Checker, sondern ein Quellenbewertungstool. Kostenpflichtiges Browser-Plugin für Chrome, Firefox, Edge und Safari, sowie als Funktion in Edge Mobile (iOS/Android).

Text und Behauptungen: Faktencheck via KI-Prompt

KI-Prompts sind eine weitere Möglichkeit – zwischen „Intuition per SINT“ und „professionellem Faktencheck“ um eine Information besser zu plausibilisieren. Eigenständig Fakten verifizieren können Sprachmodelle zwar nicht, aber mit einem gezielten Prompt nach der Chain-of-Verification-Methode (CoV) – einer Prompt-Technik, bei der das Modell zunächst unabhängige Prüffragen generiert und einzeln beantwortet, bevor es zu einer Gesamteinschätzung kommt – verbessert sich die Qualität der Einordnung deutlich.

→ Ein Beispiel für den Aufbau eines Faktenchecker-Prompts finden Sie in der [Prompt-Bibliothek: Faktenchecker-Prompt v1.0].

Hinweis: Bilder und Videos kann kein Sprachmodell prüfen – dafür ist InVID das richtige Werkzeug. Bei sensiblen oder folgenreichen Behauptungen bleibt die Prüfung durch spezialisierte Faktenchecker unverzichtbar.


Grenzen & Offene Fragen

Datenlage: Dieser Beitrag stützt sich auf Originaldokumente des IFCN (ifcncodeofprinciples.poynter.org) und EFCSN (efcsn.com/code-of-standards), die Bewertungsskala von Correctiv (correctiv.org/faktencheck/ueber-uns/unsere-bewertungsskala, Stand Oktober 2024), ein SRF-Expertengespräch mit Matthias Heller (SRF Netzwerk Faktencheck) und Ivano Somaini (Compass Security Schweiz), Poynter-Berichterstattung zum Meta-Programm (Januar 2025) sowie Zertifizierungsnachweise für APA und Correctiv. Recherche-Zeitraum: März 2026.

Kontroverse: Die genauen Vergütungsbeträge im Meta-Partnerprogramm sind nicht öffentlich. Die Einschätzung von Interessenkonflikten ist in der Forschung nicht einheitlich bewertet.

Bias-Ausweis: Fokus auf Deutschland und Österreich. Schweizer Angebote werden knapp behandelt; ein eigenständiger Beitrag ist geplant. APA und Mimikama verdienen eine eigene Vertiefung für österreichische Leserinnen und Leser.

Zeitliche Gültigkeit: Die Plattformdebatte um Meta und den DSA entwickelt sich dynamisch – Stand 2/2026.

Offene Forschungsfrage: Ob CoV-basierte Prompts die Medienkompetenz unterschiedlicher Nutzungsgruppen tatsächlich verbessern, ist empirisch nicht belegt.

KI-Nutzung: Perplexity Pro (mit Sonnet 4.6) zur Recherche-Unterstützung genutzt; alle Fakten anhand der genannten Primärquellen verifiziert. Zweite Verifizierung mit Apertus 70 B, instruct 2509.


Weiterführend

Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, findet zum Beispiel beim SRF Netzwerk Faktencheck nicht nur aktuelle geprüfte Behauptungen, sondern auch Einblicke in die Arbeitsweise professioneller Faktencheckerinnen und Faktenchecker – einschließlich des Umgangs mit KI-generierten Inhalten und OSINT-Methoden:

Die Faktenchecks von SRF

Auch zum tieferen Einstieg zu empfehlen.

Dossier der DW: Die Faktenchecks von SRF


Entwurf v5.0 | März 2026 Primärquellen: ifcncodeofprinciples.poynter.org | efcsn.com/code-of-standards | correctiv.org/faktencheck/ueber-uns/unsere-bewertungsskala | apa.at/service/faktencheck-2 | srf.ch/news/srf-news-chats/ihre-fragen-zum-faktencheck

Schreibe einen Kommentar